Kindergarten ist nicht gleich Kindergarten! Ein Erfahrungsbericht.

Nachdem ich letzte Woche bei Von guten Eltern und Leitmedium Artikel zum Thema Waldorfkindergarten gelesen habe musste ich wieder an unseren Kita-Anfang denken. Auch wir hatten zuerst einen Waldorfkindergarten im Auge, weil wir grundsätzlich doch eher etwas alternativ eingestellt sind.

Wir haben uns dann aber doch für eine ganz „normale“  Kita mit offenem Konzept entschieden. Das hatte verschiedenen Gründe: Zum Einen gab es im Waldorfkindergarten nur Ganztagsplätzen und wir wollten unser Kind nicht den ganzen Tag Fremdbetreuen lassen, zum Anderen hat uns das erste Zusammentreffen mit unserer zukünftigen Gruppenleiterin doch recht schnell geerdet. Auf das Warum möchte ich gar nicht weiter eingehen. Ich denke dieser tolle Artikel von Leitmedium fasst alles zusammen, was uns komprimiert in unserem „Vorstellungsgespräch“ um die Ohren geflogen ist…

Wir konnten uns also recht schnell für unsere zweite Alternative, eine gerade neu gebaute Kinderkrippe, entscheiden. Die Kinderkrippe bestand aus verschiedenen sogenannten Funktionsräumen für Malen, Bauen, Rollenspiele und Bewegung. Zwischen diesen Räumen können sich die Kinder frei bewegen und selbst entscheiden, an welchem Angebot sie teilnehmen möchten. Leider ist das in der Praxis gar nicht so gut wie wir zuerst angenommen haben. Aber dazu später mehr.


Zwischen der ersten Besichtigung und dem ersten echten Kindergartentag verging natürlich eine Weile, aber dann war der große Tag gekommen. Kurz nach seinem zweiten Geburtstag ging unser großes kleines Kind zum ersten Mal in die Kinderkrippe. Der erste Tag war natürlich besonders aufregend, viele neue Menschen und Eindrücke, aber Mama und Papa waren ja dabei. Wir besuchten die neuen Kinder Anfangs nur zum Spielen und blieben jeden Tag ein bisschen länger. Unser Sohn war so fasziniert von den vielen anderen Kindern und Spielsachen, dass wir uns bereits nach wenigen Tagen Eingewöhnung, für die Zeit bis zum Mittagessen, von ihm verabschieden durften.

Als ich dann das erste Mal ohne ihn nach Hause gefahren bin habe ich eigentlich nur auf die Uhr geschaut und darauf gewartet ihn wieder abholen zu können. Die Zeit war wie ein Wechselbad der Gefühle und da Nr. 2 bereits in meinem Bauch wohnte, war ich ohnehin nah am Wasser gebaut (eben noch näher als sonst). Einerseits ist man erleichtert wenn der Abschied problemlos läuft aber anderer seits macht man sich die ganze Zeit Gedanken ob wirklich alles gut ist. Vor allem ob seine Bedürfnisse erkannt werden. Unser Sohn hat glücklicherweise sehr früh angefangen sehr viel zu sprechen. Er konnte mit zwei Jahren schon fast ganze Sätze sprechen und einem deutlich klar machen was er möchte und was nicht. Das machte es uns natürlich einfacher, als das vielleicht bei Eltern ist, deren Kinder sich nicht äußern können, wenn etwas nicht stimmt.

Und so vergingen die ersten zwei Wochen Kindergarten bis uns die ersten fiesen Kindergartenviren heimgesucht haben. Leider blieb es nicht bei den ganz normalen Infekten, die Kinder am Anfang der Kindergartenzeit durchmachen, sondern es entwickelte sich zu einem „dauerkranksein“ mit Pausen von 1 bis 2 Wochen dazwischen. Kleiner Hinweis an dieser Stelle: Eine Fußbodenheizung ist nicht unbedingt ideal in einer Kindertagesstätte…

Die wenige Zeit die er in der Krippe verbracht hat, wurde immer mehr zum Stress für ihn und für uns, da das anfänglich erwähnte „offene Konzept“ irgendwie nicht wirklich zu ihm passte. Unmengen von Spielzeug, wobei jedes natürlich nur einmal vorhanden war, führten laufend zu Reibereien, ständige Animation und ein Überangebot an Spielkonzepten ließen ihn nie zur Ruhe kommen. Und wenn er einmal etwas wollte oder Hilfe benötigte wurde er nicht gehört. Das dieses Konzept auf Dauer nicht gut gehen konnte kann, merkte man schon daran, dass die sonst wirklich(!) liebevollen und fürsorglichen Erzieher bereits nach wenigen Stunden am Tag deutlich gestresst und kaum noch in der Lage waren auf einzelne Kinder einzugehen.

„Die Bedürfnisse des Kindes gehen in der Masse unter.“

Und so kam was kommen musste: Die Verabschiedung war immer öfter mit Tränen verbunden. Es war ihm zu laut, zu hektisch und irgendwie ging er mit seinen Bedürfnissen in der Masse unter. Doch es wird einem ja immer wieder versichert das es ganz „normal“ sei und die Kinder sich „dran gewöhnen müssen“ und es besser wäre kurz und schmerzlos Tschüss zu sagen als das weinende Kind immer wieder in den Arm zu nehmen und zu trösten um sich ruhig und ohne Tränen verabschieden zu können.

Ich bin froh fast immer auf mein Baugefühl gehört zu haben und solange zu warten bis mein Kind angekommen war und sich ohne Tränen von mir verabschieden konnte. Fast immer. Denn auch ich habe mich verunsichern lassen und mein Kind, wenn auch nur ein einziges Mal, weinend stehen gelassen.

Wir kamen immer mehr ins Zweifeln ob es der richtige Kindergarten für unseren Sohn ist und ob es für ihn das richtige Konzept und der richtige Zeitpunkt ist.

Also unser längst trockenes und windelfreies Kind anfing immer öfter bis nahezu täglich wieder „Unfälle“ im Kindergarten zu haben entschieden wir uns nach nur wenigen Monaten noch einmal eine Pause einzulegen. Zu belastend war die Situation für ihn und für uns.

„Raus aus dem Trubel und rein in die Natur!“

Nach knapp drei Monaten zu hause haben wir einen neuen Versuch gestartet. Wir haben uns wieder nach alternativen Konzepten umgeschaut und uns letztendlich für einen Waldkindergarten entschieden. Für unseren Sohn genau das Richtige. Außer zum Mittagessen und Schlafen halten sich die Kinder ausschließlich draußen auf. Es gibt viel frische Luft und Bewegung, außerdem einen klar strukturierten Tagesablauf. Wenn es früh in den Kindergarten geht, weiß er was ihn erwartet. Kinder finden das, anders als wir Erwachsenen vielleicht denken, übrigens toll zu wissen, was der Tag bringt.
Auf Animation und Beschäftigungsangebote wird in unserem Kindergarten vollständig verzichtet. Und das beste: Kein Spielzeug! Es gibt sogar ein „Verbot“, den Kindern Spielzeug mitzugeben. Keine Animation, keine Fremdsprache.

Kinder dürfen einfach sein was sie nun mal sind: Kinder!

Kinder müssen nicht mit Angeboten, Sprachen und Wahlmöglichkeiten gefördert oder gefordert werden. Sie lernen durch das, was ihnen die Natur mitgegeben hat, das Spiel. Und dazu braucht es nicht mehr als das was in der Natur zu finden ist. Stöcker, Steine, Blätter… Es ist toll, zuzusehen, wie schnell er sich entwickelt und wie viel er bereits in der kurzen Zeit in seinem Waldkindergarten gelernt hat. Mittlerweile kennt er sich mit seinen gerade einmal drei Jahren bereits bestens in der Natur aus, kann Hütten bauen, frei klettern, mit Schnitzmesser umgehen und beinah jedes Werkzeug ohne fremde Hilfe benutzen.

Raus aus dem pädagogischen Einheitsbrei, rein in ein alternatives Konzept. Aus heutiger Sicht war DAS für uns genau der richtige Weg. Unser Kind war mit seinen gerade zwei Jahren einfach noch nicht soweit. Heute ist er drei Jahre alt und geht mittlerweile sehr gern in seinen Kindergarten. Er hat „nur“ eine 4-Tage Woche und auch sonst immer die Möglichkeit zu Hause zu bleiben wenn er sich nicht wohl fühlt. Denn ich finde man sollte sich immer bewusst sein, dass so ein Kindergartentag einem vollen Arbeitstag eines Erwachsenen gleich kommt und für die kleinen Menschen sehr anstrengend ist.

Danke an die folgenden Blogger mit ihren Beiträgen:

  • Leitmedium mit einem erschreckenden aber auch erleuchtenden Post,
  • Von guten Eltern die ihr Kindergartenglück gefunden haben,
  • Urnaturaen mit der wahrscheinlich besten aller Alternativen,
  • 2KindChaos mussten erleben, wie es auf keinen Fall sein sollte,
  • Blogprinzessin, die das Thema Selbstbetreuung auch mal aus der finanziellen Sicht beleuchtet
  • Nestingnomads die einen wirklich alternativen und beneidenswert schönen Weg gehen.

Weiterführende Links zum Thema Kindergarten Ja oder Nein:

Was denkt ihr über dieses Thema? Wie sind eure Erfahrungen? Ich freue mich auf eure Kommentare hier oder auf Facebook.

Kategorien Eltern sein Familie Muttergefühle Vatergefühle

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Julia ist Näh- und DIY-Bloggerin in der Nacht und liebevolle Mama 24h 7 Tage die Woche. Sie schläft zu wenig, braucht ihre Ordnung und kommt nie zur Ruhe, weil sie ständig neue Ideen hat. Julia ist außerdem Windelüberhosen-Produzentin und hat mit Windelwürmchen ihr erstes Label gegründet. Ihre tollen Schlupfüberhosen kannst du dir auf Windelwürmchen.com anschauen. Ihren Blog findest du auf textilsucht.de.

Julia und Micha sind verheiratet und haben zwei wundervolle Söhne. Die Beiden sind ihre Inspiration und ihre Motivation, manchmal aber auch ihr nervliches Ende…

4 Kommentare zu “Kindergarten ist nicht gleich Kindergarten! Ein Erfahrungsbericht.

  1. Pingback: Faschingskostüm Feuerwehrmann selber nähen | Textilsucht.de

  2. Hallo Julia,

    wir haben gerade erst gemerkt, dass du unseren Artikel verlinkt hattest – danke auch für die schöne Beschreibung unseres Weges!:)

    Viele Grüße aus Thailand,

    Chris

  3. Danke für diesen interessanten Beitrag. Ich habe gerade auch so meine Probleme mit dem offenen System und habe sie an dieser Stelle aufgeschrieben: https://marasgedanken.wordpress.com/2015/12/17/warum-habe-ich-momentan-ein-problem-mit-dem-offenen-system-in-unserer-kita/
    Viele Grüße Mara

  4. Pingback: Ich nähe unsere Draußenhosen jetzt selber! | textilsucht

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